Schweige-Retreat – Nachlese 5

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Heute möchte ich über die Themen „Loslassen“ und „Nicht-Ich“ schreiben. Gegen Ende des Retreats haben wir dazu Vieles erfahren in den Dharma Talks und in den Meditationsanleitungen und ich fand die Betrachtungen sehr interessant und hilfreich – weshalb ich sie hier mit Euch teilen möchte.

Das erste, das mir dabei in den Sinn kommt ist die Betrachtung, dass wir nicht ständig alle unsere Rollen und Identifikationen mit uns rumschleppen müssen. Wenn ich z.B. in der Meditation sitze, muss ich mir gerade keine Gedanken um meine To-Do-Liste im Büro machen oder darüber, was ich später für meine Familie kochen werde. Ich bin gerade nur Meditierende, nicht Angestellte, Mutter, Hausfrau oder in sonst einer Rolle. Das ist eine sehr befreiende Betrachtung, wenn auch nicht ganz einfach umzusetzen, da wir uns ja immer mit allen möglichen Rollen identifizieren und uns viele Gedanken darüber machen. Im Retreat haben wir jedenfalls versucht diese Haltung zu kultivieren, dass wir gerade niemand sein müssen. Mir haben die Momente sehr gut getan, in denen ich einfach alles loslassen konnte. Es gab aber auch Teilnehmer in unserer Gruppe, die das völlige Loslassen aller Rollen und Identifikationen als beängstigend erlebt haben (im Sinne von: wer bin ich denn noch, wenn ich alles loslasse?). Ich fand auch das spannend, wie unterschiedlich die Betrachtungen und Anleitungen auf die einzelnen Personen wirkten.

In den letzten Tagen des Retreats übten wir in der Meditation, Gedanken bereits zu erkennen, wenn sie aufkommen und sich breit machen wollten. Meistens erkennen wir erst dann, dass wir abgeschweift sind, wenn wir mitten in einem Gedanken sind oder vielleicht schon am Ende davon. Hier den Gedanken zu „packen“ und ihn loszulassen ist noch relativ einfach – ihn am Anfang oder noch vor dem Entstehen zu erwischen dagegen viel schwieriger. Die Ausführungen von Retreatleiterin Christiane Wolf waren dazu sehr spannend und ein paar davon möchte ich hier in sehr vereinfachter Form wiedergeben. Sie berichtete aus der neurowissenschaftlichen Forschung und dass sich neuronale Prozesse verhärten können, wenn wir Gedanken nicht gleich beim Entstehen erwischen (was vermutlich bei Depressionen passiert). Es lohnt sich also, genau auf unsere Gedanken und vor allem auf den Anfang der Gedanken zu achten. Würden wir in einen Gedanken, Impuls oder ein Gefühl 90 Sekunden lang nicht weiter hineingehen, dann würde dieser wieder verschwinden. Das sei erwiesen und funktioniere tatsächlich (ich habe es versucht, fand es aber noch sehr schwierig, wenn man grad einen „beißenden“ Gedanken hat – vielleicht muss man dafür fortgeschrittener sein in seiner Praxis oder einen weniger schwierigen Gedanken auswählen ;-). Christiane zitierte in diesem Zusammenhang auch ihren spirituellen Lehrer Jack Kornfield: „Unsere Nervenzellen wachsen wortwörtlich an unserer Absicht entlang.“

Hilfreich fand ich auch die Betrachtung, dass wir weder unsere Gedanken, noch unsere Gefühle sind und uns nicht zu sehr mit ihnen zu identifizieren brauchen. Aber: Wir sind dafür verantwortlich, was wir aus ihnen machen (ob wir ihnen Glauben schenken, ob wir dementsprechend handeln, sprechen etc.).

Am vorletzten Tag hatte ich in der Meditation ein sehr schönes Erlebnis. Christiane leitete die Meditation mit offenem Gewahrsein an (Konzentration wie üblich zuerst auf Atem, Geräusche und Gedanken, dann auf das, was zuerst nach Aufmerksamkeit ruft). Später sollten wir das offene Gewahrsein und uns als Meditierende loslassen, also den Sinneswahrnehmungen und uns Selbst keine besondere Beachtung mehr schenken (Nicht-Selbst erleben). Es war für mich in diesem Moment, als würde ich ganz tief in mich hineinsinken. Nichts zu sehen, hören, denken, atmen. Einfach Ruhe, Vertrauen und Sicherheit – vielleicht war es das Gefühl des Urvertrauens, das ich da spürte. Das war ein sehr berührendes und nährendes Erlebnis für mich, an das ich noch sehr gerne zurückdenke und -fühle… und das ich gerne wieder in der Meditation erleben würde, sich aber nicht so einfach wieder herstellen lässt 😉

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Wer sind wir, wenn wir das Selbst loslassen? – eine wirklich tiefgreifende Frage in der Schweigewoche.

In den Dharma Talks hörten wir einige Male über das „Selfing“, d.h. über Aktionen, die das System macht, um die Illusion eines Selbst zu erhalten. Jeder von uns kennt es, dass wir in manchen (vielen!) Situationen nach Bestätigung suchen und uns z.B. mit unserem Wissen oder unserer Erfahrung zeigen/profilieren müssen. Auf die Dauer ist es sehr anstrengend, wenn wir uns immer wieder selbst darstellen und prüfen müssen, dass die anderen wissen, wer und was wir sind. Meditationen, in denen wir das Loslassen üben (z.B. offenes Gewahrsein) helfen uns, das Selbst nicht übertrieben wichtig zu nehmen und in uns Vertrauen zu finden (statt Bestätigung im Außen zu suchen). Das „Selfing“ geschieht zwar weiterhin wohl bei jedem von uns, aber im Laufe der Praxis nehmen wir es nicht mehr so persönlich 😉 Diese Betrachtungen halfen mir gerade an einem Tag des Retreats, an denen ich sehr mit mir und meiner Karriere beschäftigt war. Ich saß in der Meditation und meine Gedanken kreisten nur darum, wo ich heute beruflich stand, was wohl noch aus meiner Berufslaufbahn werden würde, was ich noch alles erreichen wollte etc. Es fiel mir sehr schwer, aus diesen Gedankenschleifen auszusteigen. Die Meditation mit dem Loslassen des Selbst hat mir wohl deshalb auch sehr sehr gut getan.

Für heute mache ich hier mal wieder einen Punkt. Ich hoffe, es ist soweit halbwegs verständlich, was ich da schreibe… manches ist einfach schwer in dieser Form wiederzugeben und kommt vielleicht nicht so bewegend rüber, wie ich es erlebt habe oder meine Worte reichen dafür nicht aus. Es ist für mich aber eine schöne Übung, die Erfahrungen hier nochmals niederzuschreiben und sie mit Euch zu teilen. 🙂

15 Kommentare zu „Schweige-Retreat – Nachlese 5

      1. Sehr interessant… aber was machst Du, wenn die Gedanken immer wieder kommen, Deine Bedenken zu Zweifeln werden und immer wieder durch neue Ereignisse bestätigt werden? Einfach ignorieren?
        Ich werde mich da mal einlesen… war schon am googeln.

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      2. Das ist genau das, was man in der Meditation übt – beobachten, benennen, zurückkehren in den Moment. Sehr schwierig, aber es geht. Darum setzen sich so viele Menschen jeden Tag aufs Neue aufs Meditationskissen – ich inklusive 😉
        Alternativen oder ergänzend: Psychotherapie, notfalls Medikamente.

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