Schweige-Retreat – Nachlese 4

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Die heutige Nachlese der Schweigewoche steht unter dem Motto „Freiheit“. Man könnte sagen, dass Freiheit überhaupt das zentrale Thema ist, warum wir in ein Retreat gehen – wir nehmen uns bewusst ein paar Tage Zeit, lassen den Alltag hinter uns und entsagen allen möglichen Dingen und Menschen, die uns sonst wichtig ist. Wir nehmen uns die Freiheit, einfach mal nur zu sein, in Stille, ohne viel Ablenkung – anstatt zu tun, zu reden, zu konsumieren.

Wir hören schon am ersten Abend einiges über die traditionellen Zufluchtnahmen im Buddhismus (Buddha, Dharma und Sangha – siehe auch letzte Nachlese), bei denen es darum geht, einen Geschmack von Freiheit zu bekommen und diesen immer wieder neu zu kultivieren. Wir stellen uns die Frage, ob es Abhängigkeiten zu Zufluchten in unserem Leben gibt, die nicht (mehr) hilfreich für uns sind? Das kann z.B. sein, dass wir zuviel essen, trinken, von Medien oder Sex abhängig sind etc.  Im Retreat entsagen wir diesen Dingen für ein paar Tage ganz bewusst. Es soll die Möglichkeit schaffen, dass wir jeden Moment als gleichwertig wahrnehmen – und nicht nur die angenehmen Momente als wertvoll einstufen, in denen wir z.B. ein gutes Essen konsumieren oder einen Film ansehen.

In den ersten Tagen war das eine harte Schule für mich. Denn wenn wir aus dem Alltag kommen, in dem wir so viele Reize um uns haben, ist es sehr ungewohnt, mal einfach stundenlang auf dem Boden zu sitzen und nur zu „sein“. Konkret hieß das bei mir am ersten Tag: Um 9 Uhr begann die Meditation, um 9.10 Uhr fragte ich mich, wann wohl Kaffeepause sein wird und ich einen Cappuccino trinken kann. 😉 Um 9.15 Uhr langweilte ich mich zu Tode und die Zeit schien still zu stehen. Um 9.25 Uhr tat mir mein Körper so weh, dass ich am liebsten davongelaufen wäre und mich in meinen bequemen Alltag zurückgezogen hätte. Mein Geist hielt ständig Ausschau nach etwas, das ich konsumieren oder es mir bequemer machen konnte.

In den ersten Tagen waren die paar Gesprächsminuten, die wir jeweils am Vor- und Nachmittag hatten, die rettenden Anker für mich – endlich war etwas los, endlich konnte ich etwas „konsumieren“ (hören, was die anderen fragten oder selbst etwas fragen, manchmal gab es auch was zu lachen). Je länger das Retreat dauerte und je besser ich mit der Stille zurecht kam, desto weniger „brauchte“ ich diese  Momente. Ich begann, mir selbst zu genügen – ohne etwas oder jemanden zu brauchen. Es war schon sehr erstaunlich für mich, dass ich mit weniger Essen, Kaffee etc. auskam als sonst und mir das auch nichts auszumachen schien. Normalerweise ist Essen sehr wichtig für mich – ich neige dazu, unangenehme Gefühle über ein Zuviel an Schokolade, Käsebrot oder sonstigen Leckereien zu regulieren und denke oft daran, wann die nächste Mahlzeit sein wird (selbst wenn ich nicht hungrig bin). So war es eine sehr bereichernde Erfahrung, einmal nicht abhängig zu sein vom Essen oder anderen äußeren Einflüssen. Ich fühlte mich unglaublich frei, so wie ich es nie zuvor kannte oder zumindest schon sehr lange nicht mehr… vielleicht versteht ihr nun auch, warum mich das Retreat so bewegt hat und wieso ich soviel Schreibbedarf darüber habe ;-). Zu Hause hält der Effekt noch relativ gut an… es ist mir wichtig, mich gut und gesund zu ernähren und ich kann mir öfter als früher die Freiheit nehmen, auf etwas zu verzichten.

In diesem Zusammenhang denke ich auch sehr gerne an die Worte von Christiane Wolf zurück (sinngemäß): Der Moment bevor wir etwas tun, ist spannend. Was passiert, wenn wir uns nicht gleich das geben, was wir haben wollten? Vergeht es oder wird es stärker?

In den meisten Fällen kann ich nämlich für mich sagen, dass es tatsächlich vergeht und ich gut darauf verzichten kann, man muss einfach nur die Spannung kurz aushalten. Im Retreat haben wir das ja auch sehr oft geübt: Wenn es in der Meditation unangenehm wird, weil der Geist zu unruhig ist oder der Körper schmerzt, dann versuchen wir sitzen zu bleiben, mit dem was ist und nicht sofort davon zu laufen. Genauso können wir auch ein Bedürfnis, das nicht unbedingt befriedigt werden muss, aussitzen. Es ist natürlich immer ein Abwiegen, denn wenn der Körper in der Meditation zu sehr weh tut, müssen wir uns nicht zum Sitzen zwingen und rigide werden. Und wenn die Lust auf das Stück Schokolade so unendlich groß wird, dann ist es auch gut, uns dieses Stück mal zu gönnen. Und dennoch geht es einfach um den Moment der Wahlfreiheit, bevor wir etwas automatisch tun – zuerst bewusst machen, ob es das braucht, ob es gerade wirklich gut für mich ist, bevor ich etwas tue.

Für mich ist das eine sehr sehr hilfreiche Denkweise und Einstellung, die ich Tag für Tag aufs Neue trainiere (was nicht immer gelingt, aber öfter als früher!).

In der Meditation haben wir uns auch darin geübt, nicht auf jeden Gedanken aufzuspringen, der daherkommt. Jedes Mal, wenn wir im Geiste abschweifen und es feststellen, bringen wir uns sanft, aber beharrlich zur Meditation zurück. An einem Tag war das für mich unglaublich schwer – ich war wie wild beim Denken und konnte nur schwer wieder zurück in den Moment kommen (ich glaube es war der zweite oder dritte Tag, die gerne als „Sumpftage“ bezeichnet werden und nach denen es besser wird). An anderen Tagen ging es gut und ich konnte gut die Anleitung der Lehrer in meine Praxis integrieren und zu meinen Gedanken sagen: „Danke, aber da gehe ich jetzt nicht hinein. Ich meditiere jetzt.“

An diese Worte denke ich auch jetzt im Alltag sehr oft zurück und besonders dann, wenn ich merke, dass Grübeleien oder negatives Denken sich Platz machen wollen. So oft ich kann und so schnell es mir bewusst wird, versuche ich aus diesen Schleifen auszusteigen. Auch das gibt enorm viel Freiheit und hilft, stabil zu sein. Denn wenn wir unseren Geist etwas kontrollieren, lassen wir uns nicht davontragen in eine Interpretation oder depressive Verstimmung.

Auch das ist eine der großen Erkenntnisse für mich aus dem Retreat! Ich habe Zeit meines Lebens den „Fehler“ gemacht, meinem Kopf und Denken zu viel Gewicht zu geben. Ich war immer eine sehr gute Schülerin und Studentin und bin mit meinem Denken weit gekommen. Aber ich habe nicht bemerkt, dass mir denken manchmal nicht hilft und ich nicht jedem Gedanken glauben muss, den ich produziere. Um psychisch gesund und mental fit zu sein, ist es sogar sehr wichtig, dass ich meinen Geist kontrolliere. Ich bin keine Ärztin oder Neurowissenschaftlerin, aber ich spreche aus meiner eigenen Erfahrung mit der Meditationspraxis, die bei mir wie ein natürliches Antidepressivum wirkt. Ich kann die Praxis wirklich jeder und jedem empfehlen, der zu depressiven Verstimmungen neigt oder präventiv auf seine Psyche achten will.

Es gäbe zum Thema Freiheit und was ich dazu im Retreat erlebt habe, noch eine Menge zu sagen, aber ich denke, dass das mal das Wichtigste war und dass es vor allem das ist, was ich aktuell in den Alltag integriere.

In der nächsten Nachlese (viele kommen jetzt nicht mehr) möchte ich auf das Thema „Nicht-Selbst“ eingehen, was auch unglaublich spannend war.  Ich freue mich, wenn ihr wieder mitlest und ihr könnt natürlich auch jederzeit eure Kommentare hinterlassen. 🙂

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Ein bescheidenes Zimmer während der Schweigewoche – aber es war alles da, was ich brauchte. Freiheit ist einmal nur mit dem zu sein, was unbedingt nötig ist!

9 Kommentare zu „Schweige-Retreat – Nachlese 4

  1. Besten Dank für Deinen wie immer interessanten und lehrreichen Bericht.
    Besonders gefallen haben mir die Sätze/Satzstücke: „die Freiheit, auf etwas zu verzichten“ und „Freiheit … mit dem zu sein, was unbedingt nötig ist!“ Letzteres versuche ich ja hin und wieder auf meinen Wanderungen. Ersteres fand ich eine interessante Perspektive der Betrachtung.
    Und auch den Moment der Wahlentscheidung bewusste klar zu haben, ist sicher ein lohnender Ansatz.
    Lieben Dank.

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    1. Danke dir für deine Nachricht, liebe Belana Hermine. Es freut mich sehr, wenn der Bericht selbst für dich (spirituell Bewanderte) etwas Lehrreiches hat. 🙂 Ja, das sind sehr lohnende Ansätze und wenn man sie mal ein bisschen trainiert hat, sind sie gar nicht mehr so schwer umzusetzen…. je nach Tagesverfassung! 😉 Liebe Grüße an dich 🙂

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  2. Im Thai Chi fiel uns am Anfang auch die Stille schwer. Das auszuhalten, weil es Gewohnheit das ständig irgendwo sind. Deshalb finde ich dein Berichte spannend. Hat Buddha nicht mal in einem Zitat gesagt (Ungefähr) Der Mensch braucht ein Bett zum Schlaf, Wasser und Brot, und alles andere ist Luxus.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar 🙂 Wie wahr das Zitat doch ist… wenn man es mal runterbricht, ist es wirklich nicht viel, das wir brauchen. Das alleine ist ja auch schon eine sehr befreiende Erkenntnis 🙂 Es freut mich, dass du meine Berichte magst – danke sehr für dein schönes Feedback 🙂

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