Schweige-Retreat – Nachlese 3

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Die heutige Nachlese zu meinen Erfahrungen im Schweige-Retreat möchte ich dem Thema Spiritualität widmen. Am ersten Abend des Retreats habe ich einige Antworten auf lange gestellte Fragen bekommen. Zu welcher Religion fühle ich mich zugehörig? Bin ich noch Christin oder eher Buddhistin? Brauche ich überhaupt eine Religion oder bin ich konfessionslos und meditiere einfach gerne?

Aufgewachsen bin ich katholisch und auf dem Papier bin ich es noch. Es gibt Vieles, was mir im Christentum gefällt, aber wenn ich ehrlich bin, war ich nie besonders berührt davon (trotz wöchentlicher Kirchenbesuche). Der Buddhismus hat mich hingegen von Anfang an in seinen Bann gezogen. Die Lehre Buddhas, der Dharma, beinhaltet so viel Heilsames, das mich genau da erreicht, wo ich es gerade brauche – trotzdem hat mir mein Kopf nicht erlaubt, mich als Buddhistin zu sehen. Was würde nur meine Familie davon halten? Darf ich denn einfach eine andere Religion haben?

Der erste Retreat-Abend hat mir allerdings gezeigt, dass ich längst nach den Prinzipien des Buddhismus lebe: Ich meditiere täglich, finde Halt in der buddhistischen Psychologie (Dharma), treffe mich mit gleichgesinnten Menschen (Sangha) und versuche die fünf moralischen Regeln zu befolgen, die der Buddhismus vorschlägt (und die ich im Buch „Metta Meditation“ von Sharon Salzberg zum ersten Mal kennengelernt habe). Das Retreat hat mir also ab dem ersten Tag die Freiheit gegeben, mich als Buddhistin zu sehen. Das fühlt sich für mich sehr gut an. 🙂 Ausschlaggebend dafür war sicher ein Satz, den unsere Retreatleiterin Christiane Wolf einmal sagte: „Wer oder was heilt, hat recht“. Wenn ich das auf mich übertrage, würde es heißen: Dharma und Meditation sind heilsam für mich, also gebe ich ihnen recht. Und da mir noch nichts zuvor so sehr geholfen hat wie diese Lehre und Praxis, erkläre ich sie zu meiner spirituellen Quelle.

Wichtig ist mir, dass der Buddhismus keine Religion ist, in der ein Gott verehrt wird, sondern dass „nur“ Anleitung gegeben wird, um in sich zu schauen. „Glaube nicht einfach, weil ich es sage. Schaue, ob es für dich stimmt“, so waren angeblich Buddhas Worte. Ich finde alleine diese Haltung sehr befreiend, denn dadurch mache ich mich nicht von einem Gott oder von anderen Menschen abhängig, sondern komme in meine Selbstverantwortung und finde die Antworten in mir – genauso wie ich es in diesem vergangenen Jahr erfahren durfte.

Diese Erfahrung der spirituellen Klarheit zu machen, war ein großes Geschenk für mich und ist es noch immer. Es fühlt sich so an, als hätte ich einen Platz eingenommen, um den ich vorher vorsichtig herumgeschritten bin. Meine Meditationen und alles, was ich über den Dharma lese, fügen sich nun in einen größeren Rahmen ein. 🙂

Zum Schluss möchte ich noch kurz die 3 Zufluchtnahmen (oder 3 Juwelen) schildern, die im Buddhismus üblich sind:

  • Zuflucht zum Buddha oder (im säkularen Sinn) zu Momenten der Freiheit: Damit ist gemeint, dass wir uns befreien von Idealen, die uns einengen; dass wir die Freiheit haben, bewusst zu handeln, sprechen etc. anstatt automatisch auf einen Reiz zu reagieren und in alte Muster zu fallen. Das sind die „Buddha-Momente“, die das Potential der Freiheit haben.
  • Zuflucht zum Dharma: Im Dharma, der Lehre Buddhas, ist beschrieben, wie wir zu mehr Momenten der Freiheit gelangen. Hier geht es um den Weg. 
  • Zuflucht zur Sangha: Zuflucht nehmen zu uns selbst und anderen, einer Gruppe. Dabei geht es um die Gemeinschaft.

Schön finde ich hier auch die „Selbstverpflichtung“ zu den fünf moralischen Regeln: nicht töten bzw. das Prinzip der Gewaltfreiheit in allen Lebensbereichen leben/  nicht stehlen bzw. großzügig sein/ nicht lügen bzw. ehrlich sein (zu sich und zu anderen)/ die eigene sexuelle Energie nicht schädlich einsetzen/ keine Rauschmittel einnehmen bzw. für einen klaren Kopf sorgen.

Im nächsten Teil der Nachlese möchte ich auf das Thema „Freiheit“ eingehen, das im Retreat immer wieder da war und mir auch heute noch oft in den Sinn kommt.

3 Kommentare zu „Schweige-Retreat – Nachlese 3

  1. Danke für Deine interessanten Schilderungen. Dabei musste ich an das Buch „Das Herz aller Religionen ist eins“ lesen. Der Dalai diskutiert mit Vertretern der christlichen Kirche Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Im Endeffekt kam sie auf mehr Gemeinsames. Wenn ich es richtig verstanden habe, gab es „nur“ Unterschiede im eigentlichen Glaubensbekenntnis. Aber ich kenne mich da zu wenig aus, um dazu fundiert etwas zu sagen. Der Dalai Lama meinte, Christen sollten in einem ersten Schritt schauen, ihre eigene Religion auszuschöpfen und nicht blindlinks die Religion wechseln. Du hast Deine Religion nicht blindlinks gewechselt – das war nicht die Aussage.
    Aber ich kann Deine Neigung zum Buddhismus sehr gut nachvollziehen. Spätestens seit ich in Japan war, geht es mir ähnlich – obwohl ich ja religionslos aufgewachsen bin und das Christentum eher nur von außen mitbekommen habe.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar – sehr interessant! Ich habe auch einmal in einem Buch des Dalai Lama Ähnliches gelesen, dass wir lieber in unserer Religion bleiben und sie nicht vorschnell wechseln sollen (weil wir zunächst nur das Schöne an der neuen Religion sehen, uns aber zu wenig auskennen im Gesamten). Dabei war auch eine Frau erwähnt, die ursprünglich Christin war und später buddhistische Nonne wurde, dann aber Enttäuschungen im Buddhismus erlebte und dem Klosterleben und der Religion ihren Rücken kehrte. An das musste ich auch öfter denken bei meiner spirituellen Suche. Es ist sicher gut, wenn man das gründlich abwägt… ich denke, dass ich es für mich genug getan habe… im Bewusstsein, dass es auch im Buddhismus Bereiche gibt, die nicht so schön sind und auch in Institutionen ihre schwarzen Schafe sind, die wegen Missbrauch etc. in den Medien waren.
      Für mich ist einfach die buddhistische Philosophie und Psychologie so wichtig, fast lebensnotwendig geworden 😉 Ich kann mir gut vorstellen, dass es dir ähnlich ergeht, nach allem, was ich bei dir lese… Shikoku etc. 🙂

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