Schweige-Retreat – Nachlese 2

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Ich habe kürzlich begonnen, meine Erfahrungen aus dem Schweige-Retreat aufzuschreiben. Hier könnt ihr den ersten Teil nachlesen. Heute versuche ich mich am zweiten Teil… und wieder sitze ich vor dem Computer mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Demut: Wie kann ich nur in Worte fassen, was in dieser Woche des Schweigens geschehen ist? wie bereichert und genährt ich mich fühle? wie berührend und verbindend das Schweigen in der großen Gruppe war? Die äußeren Umstände sind ja noch einfach zu beschreiben, Nicht-Reden, strukturierter Tagesablauf mit je zwei langen Meditationsblöcken am Vor- und Nachmittag, Dharma Talk am Abend. Aber das innere Geschehen finde ich eben schwer zu beschreiben. Irgendwie ist es mir aber wichtig, es in Worte zu fassen, für mich zu verankern und für andere nachvollziehbar zu machen…also genug der Einleitung, ich traue mich jetzt und schreibe drauflos 😉

Anfangs hatte ich großen Respekt vor dem Retreat. Ich hatte ja beim Bericht über die Retreat-Vorbereitungen geschrieben, dass wir einen Fragebogen ausfüllen mussten, bei dem es um Gesundheit und Vorerkrankungen ging. Mit Depressionen in der Geschichte, fühlte ich mich den Kandidaten zugehörig, die wackeligen Fußes ins Retreat gingen. Obwohl es mir seit mehr als einem Jahr gut geht und ich stabil bin, hatte ich Ängste, ob mir das Retreat zu viel werden würde, zu nahe ging, ob alte Symptome der Depression auftauchten. Diese Ängste begleiteten mich zwei Tage lang und in dieser Zeit war ich froh, dass ich abends nach Hause fuhr zu meiner Familie und meinen sicheren Rahmen hatte. Doch noch fast wichtiger als der äußere Rahmen war das Vertrauen, das ich in mich entwickeln konnte. Ich begann, wann immer das Gefühl der Angst auftauchte, mir selbst Metta-Sätze zu sagen: „Möge ich sicher sein, möge ich frei sein von Angst, möge ich mir und meinem Weg vertrauen.“ Jedes Mal, wenn die Angst hochkam, versuchte ich sie zu registrieren „aha, da bist du also Angst“ und dann diese Sätze zu mir zu sagen. Das gab mir dann tatsächlich Halt und ich fühlte mich von Tag zu Tag sicherer. Ab dem dritten Tag übernachtete ich wie geplant für den Rest der Woche auch im Seminarhaus, wo unser Retreat stattfand. Das war dann auch der Wendepunkt, ab dem ich tiefer eintauchte in die Erfahrung. So gut es war, anfangs zu pendeln zwischen zu Hause und dem Seminar, so wohl tat es, sich dann komplett vom Alltag abzumelden und nur bei sich zu sein – „bei sich selbst zu Hause sein“, so wie auch das Motto unseres Retreats lautete.

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Halt gab mir auch unsere ganze Gruppe und die große Verbundenheit, die wir im Schweigen hatten. Wenn es mir nicht so gut ging, dann saß ich öfter mal mit offenen Augen in der Meditation und blickte zu meinen KollegInnen hinüber. Jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte, eigenes Leid erfahren und vielleicht hatte manch anderer ähnliche Ängste wie ich. Wir saßen einfach schweigend da und unterstützen uns durch unsere Präsenz. Grandios war dabei natürlich auch unserer Retreatleitung, die in den richtigen Momenten die richten Inputs und Fragen stellte, sodass wir uns aufgefangen fühlen und auch weiterentwickeln konnten. Mir halfen da auch die Gruppengespräche sehr weiter, in denen wir uns austauschten über die Gefühle, Gedanken, Schwierigkeiten etc., die bei jedem von uns da waren. Kurzum: Ich fühlte mich sicher und geborgen im Retreat und hatte das Gefühl, auf einen Schlag den Effekt von hunderten heilenden Stunden Psychotherapie zu haben 🙂

Eine schöne Erfahrung waren während der ganzen Woche auch die vielen Gehmeditationen, die wir machten. Dabei geht es nicht darum, dass wir irgendwo ankommen, sondern ums Spüren jedes einzelnen Schrittes – wie fühlt es sich an, wenn mein Fuß sich in Bewegung setzt, wenn er auf dem Boden aufkommt und abrollt etc.? Anfangs war ich noch zügiger unterwegs, so wie auch mein Geist unruhig war. Nach und nach wurde mein Schritt langsam, sehr langsam und ich tat jeden Schritt in Zeitlupe, verband ihn mit dem Atem, schloss dabei die Augen. Faszinierend fand ich, dass ich zu Beginn der Woche noch nicht mit geschlossenen Augen gehen konnte. Meine Schritte wurden taumelig, ich konnte das Gleichgewicht nicht halten. Je länger die Stille dauerte, desto besser gelang es, im Gleichgewicht zu bleiben – sei es bei der Gehmeditation mit geschlossenen Augen oder bei Yogaübungen (z.B. Baum). Wenn ich jetzt, Wochen später, dasselbe versuche, klappte es leider nicht mehr so toll 😉 Der Alltag hat mich eben doch wieder!!

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Ich denke jetzt noch so gerne daran, wie ich vor unserem schönen Seminarhaus so hin- und herschritt oder in der Meditation saß, verbunden mit allen Menschen im Raum, und dabei stückchenweise zu mir fand. „Sicherheit“, „Vertrauen“, waren die Worte, die ich immer wieder zu mir sprach und in mich sinken ließ. Und passend dazu, sagten mir auch in den letzten Wochen einige Menschen, dass sie mich geerdeter und strahlender erleben als früher. Scheinbar hält der Effekt noch an, was mich sehr freut… und das ist es auch, was ich selbst spüre. Ich fühle mich sicherer, wenn ich mit anderen Leuten spreche, wenn Konflikte auftreten und ich meinen Standpunkt klarmachen möchte usw. Ich merke es an so vielen kleinen Dingen, wie sehr mich das Retreat genährt und beseelt hat. Und dafür bin ich sehr sehr dankbar.

Schon plane ich, wie es im nächsten Jahr weitergehen kann… wann und wo ein Retreat passend ist… und ob dann auch mal ein Aufbaulehrgang zum MBSR-Lehrer eine Option für mich ist. Der Grundlehrgang ist mittlerweile zu Ende gegangen, doch das ist dann mal eine andere Geschichte.

Für heute komme ich zum Ende dieses Berichts, möchte dann aber noch ein paar weitere Teile über das Retreat schreiben – beispielsweise über die Dharma Talks und die vielen wertvollen Inputs, die mir so oft in den Sinn kommen.

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Unser Sangha-Tisch: jeder konnte hier eine Nachricht schreiben für die Lieben zu Hause oder für die Gruppe! Es war schön, den Tisch täglich voller zu sehen und die vielen lieben Botschaften zu lesen.

6 Kommentare zu „Schweige-Retreat – Nachlese 2

  1. Sehr interessanter Bericht.
    Ich denke es ist wichtig zu sehen, dass es in der Gruppe, der Gemeinschaft allen irgendwie ähnlich geht und man NICHT mit seinen Gedanken und Empfinden ALLEINE ist.
    Dein Beitrag klingt wie eine Erzählung aus einer anderen Welt – ist es ja irgendwie auch, deine Erlebnisse beim Schweige-Retreat, bei Meditation und Achtsamkeit gründen ja auf die fernöstliche Philosophie.
    Unsere – europäische – Welt ist dominiert und bestimmt von schneller, höher, stärker, Reizüberflutung, effizienter sowie immer egoistischer und egomanischer.
    Wir definieren uns oft durch materiellen(!) Erfolg. Mir fällt immer mehr auf, dass es schon fast nicht mehr möglich ist mit anderen Menschen ein vernünftiges Gespräch zu führen …
    Vielleicht gibt es deshalb auch so viele Blogs – Schreiben hilft.
    Für mich ist diese Entwicklung „hin zum Schreiben“ charakteristisch für unsere Zeit.
    Ich habe auch meine Liebe zum Schreiben entdeckt – beim Schreiben habe ich gelernt in welche Richtung ich mich in Zukunft weiter entwickeln möchte und auch werde…
    Ein Problem unserer Zeit ist das Tempo mit dem die technische Entwicklung, vor allem die Digitalisierung voranschreitet, die Reizüberflutung und die riesengroße Auswahl an Möglichkeiten. Dafür ist der Mensch m.E. nur bedingt geeignet, oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr …

    Optimal wäre wohl eine vernünftige Mischung aus fernöstlicher und unserer Lebensphilosophie. Mein Ziel ist es diese vernünftige Mischung auch zu LEBEN.
    Körper, Geist und Seele müssen im Einklang sein, dann ist und bleibt der MENSCH auch GESUND.

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    1. Danke dir für deinen Kommentar 🙂 Schön, dass du deine Liebe zum Schreiben entdeckt hast und damit eine Art der „Langsamkeit“ leben kannst, die gut für dich ist. Ja, jeder braucht so einen Anker, wenn es rundum allzu turbulent ist. Wir haben heute sicher ein Zuviel an allem: Medien, Reize, Essen, Arbeit… da ist es wichtig, seine Inseln der Ruhe zu schaffen.

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