Meditation statt Antidepressiva – ist das möglich?

Heute gibt es einen sehr persönlichen Bericht von mir. Ich möchte davon erzählen, wie es mir nach einem Jahr der täglichen Meditation & Achtsamkeitspraxis mit der Depression ergeht. Manche kannten meinen alten Blog, in dem ich über die Wochenbettdepression schrieb… für andere ist es vielleicht neu, dass ich darüber schreibe. Es wird heute viel davon berichtet und veröffentlicht, dass Meditation bei Depressionen und Angststörungen sehr hilfreich sein kann (siehe z.B. ARTE-Doku). Ich bin selbst überzeugt davon und spüre es am eigenen Leib, dass Meditation eine große heilsame Kraft hat. Doch sollte man sich keine Wunder in kurzer Zeit erwarten. Es braucht schon eine tägliche Praxis und einiges Durchhaltevermögen, bis unsere Gehirnwindungen sich so verändern, dass wir nicht mehr in alte destruktive Muster fallen. Und dennoch spreche ich bei mir selbst gerne von einem Wunder – da mir die Meditation sehr geholfen und mich aus einer Krise gebracht hat.

Aber mal zurück zum Anfang: Ich habe im Sommer 2016 mit täglicher Meditation begonnen, eigentlich ist das noch nicht so lange her. Anfangs waren es nur ein paar Minuten, dann habe ich die Praxis gesteigert auf 30-45 Minuten. Ich habe wirklich versucht, jeden Tag dabei zu bleiben, was mir mit wenigen Ausnahmen gelungen ist. Von Anfang tat mir die Zeit gut, in der ich ruhig dasaß, in mich versinken konnte und mir selbst „Liebende Güte“ entgegenbrachte. Wie bei Depressionen üblich, hatte ich oft destruktive Gespräche mit mir geführt, mich für alles Mögliche verurteilt und mich klein gemacht. Das alles trägt nicht dazu bei, dass man sich besser fühlt, ganz im Gegenteil. So war „Metta Meditation“ (Liebende Güte) der rettende Anker für mich – es war als hätte ich endlich den Schlüssel gefunden zu einem ewig verriegelten Schloss. Das erklärt auch, warum ich so eine Motivation hatte, bei der Meditation zu bleiben und mich täglich aufs Neue hinsetzte (denn wenn wir ehrlich sind, ist es anfangs oft einfach mühsam und langweilig, sich zur Meditation aufzuraffen und dabei zu bleiben). Ich kann zu diesem Thema auch jedem das Buch „Metta Meditation“ von Sharon Salzberg empfehlen, das die Philosophie und die Praxis der „Liebenden Güte“ hervorragend erklärt (Sharon Salzberg ist die Pionierin zu diesem Thema im Westen).

Etwa zwei Monate nachdem ich mit der Praxis begonnen hatte, begann ich Schritt für Schritt mein Antidepressiva zu reduzieren (natürlich alles in Absprache mit der Psychiaterin und ohne gefährliche Selbstversuche!). Zunächst um ein Viertel der Dosis  von 20 mg auf 15 mg, dann weitere zwei Monate später runter auf 10 mg. In dieser Zeit hat mich das MBCT-Arbeitsbuch begleitet und mir einen Rahmen gegeben, mit dem ich gut üben und sein konnte. Nach einem MBSR-Kurs, dem Achtsamkeitslehrgang und Schweige-Retreat diesen Sommer hatte ich das Gefühl, innerlich sehr gut genährt zu sein. Ich reduzierte also weiter auf 6-7 mg täglich. Es funktioniert bislang ganz gut, fordert mich aber doch heraus. Ich bin derzeit schneller gereizt als sonst und habe öfter das Bedürfnis, alleine zu sein. Noch ist es so, dass ich es gut aushalte und auch mein Umfeld sich nicht beklagt 😉 Aber ich werde mich weiter gut beobachten und sollte die Dosis doch zu gering sein, würde ich sie wieder leicht erhöhen. Es ist kein Wettbewerb und soll auch keiner sein. Aber ich möchte mit so wenig Chemie auskommen, wie es geht. Ich denke, das will wohl jeder von uns. Und wenn ich die Berichte der Neurowissenschaftler lese und höre, dann stimmt mich das auch sehr positiv: Meditation kann unser Gehirn so verändern, dass wir gelassener und resilienter werden, mit Schmerz besser umgehen können und weniger anfällig sind für Depressionen. Das alles funktioniert natürlich nicht von heute auf morgen, gerade dann nicht, wenn man eine Vorerkrankung hat. Es ist eine Lebensaufgabe, die wir täglich aufs Neue angehen – so wie wir unsere Zähne putzen, müssen wir uns auch täglich um unseren Geist kümmern. Eigentlich völlig logisch, nicht wahr?

Und doch will ich die Erwartungshaltung nicht zu hoch schrauben. Vielleicht kann ich einmal ganz ohne Medikament und beschwerdefrei leben, das wäre wirklich ein Traum! Vielleicht wird es aber trotz aller Meditation so sein, dass mir immer eine kleine Dosis bleiben wird. Ich habe eine chronische Krankheit, die sich nicht so schnell wegzaubern lässt. Ganz gleich was die Zukunft bringt, bin ich unendlich dankbar für das, was mir die tägliche Praxis bis heute gebracht hat: 2/3 weniger Chemie, kaum mehr belastende Symptome und wenn Grübeleien oder Schuldgefühle auftauchen, dann kann ich mich schneller daraus befreien. Und ganz wichtig: Ich habe heute einen viel positiveren Blick auf mich und die anderen Menschen bekommen (was natürlich nicht heißt, dass es nie Konflikte gibt – aber die Grundhaltung, mit der ich in die Welt gehe, ist eine positive).

Abschließend möchte ich nochmals sagen, dass ich das hier nicht schreibe, um einen Wettstreit unter Depressiven anzuzetteln oder zu prahlen. Ich schreibe es, um zu zeigen, dass wir mit unseren eigenen Ressourcen einiges schaffen und zu unserem Glück beitragen können. Vielleicht geht es nur ganz ganz langsam vor sich. Vielleicht sieht es sogar so aus, als würden wir rückwärts gehen. Wenn wir aber dranbleiben und immer mal wieder aus der Vogelperspektive betrachten, wo wir stehen, dann sehen wir den Unterschied, den die tägliche Praxis ausmacht.

In diesem Sinne werde ich mich jetzt auf mein Meditationskissen setzen… Namasté, ihr Lieben!

PS:  ich muss noch nachtragen, dass im letzten Jahr auch das Schlafdefizit weniger wurde, das ich nach der Geburt um unseren Junior hatte – es liegt nicht einzig und allein an der Meditation, sondern es sind wie so oft mehrere günstige Umstände, dass es mir besser geht 😉 Aber die Meditation hat einen sehr großen Anteil daran!

8 Kommentare zu „Meditation statt Antidepressiva – ist das möglich?

  1. Danke für Deinen berührenden, inspirierenden und ermutigenden Beitrag. Eigentlich gibt es nichts hinzuzufügen – außer vielleicht, dass ich sehr ähnliche Erfahrungen gemacht habe.
    Ich wünsche Dir weiter gutes Gehen auf Deibem Weg. Und wenn es irgendwann mal ohne Medi geht, dann würde mich das von Herzen freuen.
    Liebe Grüße
    Belana Hermine

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    1. Ich freue mich sehr über deinen herzlichen Kommentar und darüber, dass du ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Ich wünsche auch dir von Herzen alles Gute auf deinem Weg und hoffe, dass du mir Leichtigkeit sein kannst 😊 liebe Grüße Judith

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  2. Ich hab die Arte Doku gesehen, Depressionen können viele Ursachen haben, bis hi zu einer Zahnentzündung.
    Hormone, Schilddrüse, Stoffwechselprobleme…
    Wer einmal Antibiotika nehmen musste und dessen Darm dadurch im Ungleichgewicht ist kann grössere Probleme bekommen.
    Ob da Meditation hilft?
    Eine gesunde Ernährung, bei Bedarf die Einnahme von Mikronährstoffen wie Vit D3, B Gruppe, Mineralien etc. kann oft für eine deutlich Stimmungsverbesserung sorgen.
    Ein sehr umfassendes Thema, aber es ist sinnvoll nach den Ursachen einer Depression zu schauen, wie auch nach Mittel zu Verbesserung der Lage

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    1. Ich kann nur für mich sprechen und dass mir Meditation sehr gut hilft gegen Symptome der Depression wie grübeln, sich selbst schlecht reden etc. Denn in der Meditation lernen wir genau das: wenn man gedanklich abschweift, kehren wir wieder in den Moment zurück… das kann man mit der Zeit sehr gut in den Alltag übertragen (wenn ich merke, dass ich mich in eine Grübelei verstricke, dann entscheide ich mich bewusst dagegen und steige aus diesem Gedanken aus). Achtsamkeit hilft, solche Muster früher zu erkennen. Tausend Mal erprobt und für wirkungsvoll bewiesen! Aber es muss natürlich jeder für sich ausprobieren… und natürlich ist es bei einer Depression wichtig, die Ursachen abzuklären, genauso wie auch Psychotherapie sehr wichtig ist… aber darum geht es hier gerade nicht und ich bin kein Arzt oder Neurowissenschaftler, der das Thema allumfassend beantworten kann. 😉

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