Erfahrungsbericht zum Achtsamkeitslehrgang

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Kürzlich ging es also weiter bei meinem Achtsamkeitslehrgang. Der zweite Block stand unter dem Schwerpunktthema „Selbstmitgefühl“. Ich hatte mich schon wochenlang darauf gefreut – war das doch das Thema, das mich überhaupt aufs Meditieren brachte und mich schon reich beschenkt hatte (siehe auch die Nachlese zur Metta Meditation).

Sei dir selbst ein guter Freund

Bei Selbstmitgefühl geht es kurz gesagt darum, sich selbst so zu behandeln wie man einen guten Freund behandeln würde, was den meisten Menschen gar nicht so leicht fällt. Es geht dabei auch um Aussöhnung mit sich selbst. Wir führten verschiedene Übungen durch wie die „Selbstmitgefühls-Pause“, reflektierten eigene Verhaltensweisen und den Umgang mit unserem inneren Kritiker. Wir konzentrierten uns auf unsere Grundwerte und entwickelten eigene Sätze der Liebenden Güte. Mit Metta Meditation war ich schon länger gut vertraut, weshalb ich bereits Sätze für mich ausgearbeitet hatte. Die anderen Übungen waren neu und hilfreich für mich. Aber so richtig tief ging die Erfahrung dieses Mal nicht… zumindest nicht während des Seminars…

Desillusioniert, was nun?

Ich wartete jeden Tag auf die großen Erkenntnisse wie ich sie im ersten Ausbildungsblock gemacht hatte (hier nachzulesen). Doch es passierte nichts! Ich war ernüchtert, enttäuscht von mir, dem Seminar und der Meditation an sich! Was war da nur los? Wohin war meine Begeisterung verschwunden? War das eine normale Entwicklung? Am letzten Seminartag fragte ich diese Fragen unsere beiden Seminarleiter. Sie sahen sich an, schmunzelten und klärten mich auf. Das, was ich gerade erlebte, wird als „Desillusionierungsphase“ beim Praktizieren von Meditation und Selbstmitgefühl bezeichnet. Wie in einer Liebesbeziehung ist man anfangs von der Meditation begeistert, hält sie für das Ultimative, das die Rätsel des Lebens lösen kann. Nach einiger Zeit (Wochen bis Monaten) folgt dann die Phase der Desillusionierung. Man nimmt die rosarote Brille ab und sieht die Beschränktheit der Praxis, so wie man mit der Zeit die Ecken und Kanten seines Partners besser kennenlernt. Gewiss hilft uns Meditieren, leichter, gelassener, gestärkter durchs Leben zu gehen. ABER es ist kein Allheilmittel, mit dem sich einfach alle Herausforderungen beseitigen lassen. Dies wird einem während der Desillusionierung so richtig bewusst. Die gute Nachricht ist: Es geht danach weiter, und es folgt die Phase des Akzeptierens. Man lernt, die eigene Begrenztheit und die der meditativen Praxis anzunehmen. Das war schon mal beruhigend zu hören! Und doch sehnte ich mich in die anfängliche Verliebtheit zurück! Ich wusste noch nicht richtig, was ich mit der Akzeptanzphase anfangen sollte, wann die kommen würde und woran man sie erkennt.

Gib auf, großartig sein zu müssen

Mit etwa zwei Wochen Abstand zum Seminar, als ich eigentlich gar nicht mehr damit gerechnet hatte, sind mir dann doch noch ein paar Lichter aufgegangen. Das, was mit Akzeptieren gemeint ist, wird nun plötzlich deutlich für mich. Ich sehe, dass ich mir auf einmal weniger Druck mache. Ich muss nichts Besonderes mehr leisten, nicht nach mehr Erfolg in meinem Leben streben, kein Lob von außen bekommen, um mich gut zu fühlen. Natürlich freue ich mich über Erfolge und Bestätigung, aber ich bin nicht mehr davon abhängig und muss nicht mehr kämpfen. Ich kann mir selbst Bestätigung geben, wenn ich sie brauche. Und ich freue mich daran, einfach im Moment zu leben. Es tut unglaublich gut, zu spüren, dass man achtsamer und freundlicher mit sich selbst geworden ist – Probleme gibt es weiterhin, so wie in jedem Leben, doch ist mein Umgang mit ihnen und mir selbst ein anderer geworden. Das ist es wohl, was mit der Akzeptanzphase gemeint ist. Und ich bin mir auch bewusst, dass es erneut Zeiten geben wird, in denen sich mein innerer Kritiker stark zu Wort melden wird. Doch hat er nicht mehr die alleinige Macht – denn da ist nun auch eine andere freundliche Stimme, die ihn an die Hand nimmt.

Meditiere ohne Absicht

Meine Einstellung zur Meditation ist auch eine andere geworden. Ich tue es nicht mehr, um mich gut zu fühlen oder mit diesen Erfahrungen neue berufliche Möglichkeiten aufzutun. Ich tue es einfach für mich, weil es eine Zeit ist, in der ich nur SEIN kann – genauso wie es im wunderbaren Gedicht „Meditiere ohne Absicht“ von Bob Sharples geschrieben steht, das ich hier nochmals zitieren möchte:

Meditiere nicht, um Dich zu reparieren, zu heilen, zu verbessern, zu erlösen; tue es lieber aus einem Akt der Liebe heraus, aus tiefer, herzlicher Freundschaft Dir selbst gegenüber.

Auf diese Art und Weise gibt es keinen Grund mehr, für die subtile Aggression der Selbstverbesserung, für die endlosen Schuldgefühle, nicht genug zu sein.

Es bietet Gelegenheit für ein Ende der unaufhörlichen Runden des schweren Versuchens, welches so viele Leben verhärtet. Stattdessen gibt es Meditation als einen Akt der Liebe.

Wie unendlich wonnevoll und ermutigend.

7 Kommentare zu „Erfahrungsbericht zum Achtsamkeitslehrgang

  1. Danke für Deine sehr persönlichen Erlebnisse und Einsichten. Besonders wertvoll finde ich, dass Prozesse zur Persönlichkeitsentwicklung einfach Zeit brauchen und sich nicht steuern lassen, dass die Dinge dann passieren, wenn sie dran sind. Und toll natürlich, dass Du diese Schritte gehen konntest.

    Gefällt 2 Personen

    1. Vielen Dank, liebe Belana Hermine! Ja, es ist spannend zu sehen, wie und zu welcher Zeit Persönlichkeitsentwicklung passiert. Du hast völlig recht, das kann man nicht steuern, besser man lässt es los und die Dinge entfalten sich dann zur jeweils richtigen Zeit. Es ist toll, wenn sie dann kommen und man wieder etwas Neues gelernt hat 🙂

      Gefällt 1 Person

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