Stolpersteine und Nutzen der täglichen Praxis

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In den letzten Tagen ist mir der Nutzen der regelmäßigen Meditationspraxis auf ein Neues bewusst geworden. Seit einigen Wochen schon habe ich meine täglichen Übungen vernachlässigt. Aus ursprünglich 45 Minuten täglich wurden 30, dann 20 und schließlich praktizierte ich nur noch jeden zweiten Tag. „Gerade so viel anderes zu tun… neue Projekte… Kind schläft mittags kürzer und ist abends länger wach = weniger Freizeit…und eigentlich habe ich ja schon eine gut fundierte Meditations- und Achtsamkeitspraxis, da mag es eine lockerer Phase schon dulden“… so in etwa habe ich die schwindende Übungszeit mir selbst gegenüber gerechtfertigt.

„Batterien“ rechtzeitig wieder aufladen

Es stimmt, dass wir durch regelmäßiges Meditieren mit der Zeit ein Fundament aufbauen, das uns innerlich stark und widerstandsfähig macht. Ich erlebe es so, dass ich durch die stille Versenkung ruhiger, präsenter und stabiler werde, mich besser spüre und mehr Zufriedenheit und Leichtigkeit in mein Leben tritt. Doch habe ich nun eben erfahren, dass diese innere Haltung immer wieder aufs Neue genährt werden muss. Die Batterien halten eine Zeit lang, aber nicht ewig! Je mehr der „Schlendrian“ (wie wir den inneren Schweinehund in Österreich gerne nennen) Einzug hält, desto mehr würden bei mir wieder alte Muster durchkommen: ein strenger innerer Kritiker, der zu allem was zu sagen und beklagen hat, eine sich einschleichende Unzufriedenheit, weil manche Dinge (noch) nicht so sind, wie ich sie gerne hätte, zu viel und ungesundes Essen, Ungeduld und Getriebensein (was muss alles erledigt werden).

Täglich innehalten – (m)ein natürliches Antidepressivum

Glücklicherweise erkenne ich diese unguten Selbstgespräche, Verhaltensweisen und das hektische Getriebensein nun schneller und handle früher (auch für die Selbstreflexion ist Meditation sehr nützlich). Seit ein paar Tagen hat die tägliche Praxis also wieder ihren fixen Platz und ihre übliche Länge von 45 Minuten bekommen – das heißt zwar, dass ich nun früher aufstehen muss, um alles unterzubringen, doch weiß ich um den Nutzen und die Lebensqualität, die ich dadurch habe, wodurch ich dieses „Opfer“ gerne bringe. Das tägliche Innehalten, Stillwerden und mitfühlend sich selbst zuwenden  ist ein natürliches Antidepressivum – ich erfahre es als eine wirkliche Quelle des Glücks (so abgedroschen das auch klingen mag). Schon nach ein paar Tagen des konsequenten Übens kann ich mich wieder besser distanzieren von negativen Denkweisen und fühle mich ausgeglichener.

Lernprozess mit vielen Schritten

Und doch bin ich mir sicher, dass wieder Phasen kommen werden, in denen ich der Meinung bin, zu wenig Zeit für die Praxis zu haben, zu beschäftigt mit anderem zu sein und überhaupt gut fundiert zu sein. Ich werde wieder stolpern. Und hoffentlich schnell wieder aufstehen können. Es ist ein ständiger Lernprozess: 2 Schritte vor, einer zurück. Dass dies allzu menschlich ist, zeigt auch das folgende Gedicht, mit dem ich den heutigen Beitrag schließen möchte.

 

Autobiographie in 5 Kapiteln

Ich gehe die Straße entlang. Plötzlich liegt ein großes Loch vor mir. Ich falle hinein. Ich bin verloren. Ich kann nichts dafür. Nach langen Mühen finde ich heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Plötzlich liegt ein großes Loch vor mir. Ich tue so, als ob ich es nicht sehe und falle wieder hinein. Ich bin wieder in dieser Situation, aber es ist nicht meine Schuld. Nach langer Zeit finde ich heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Plötzlich liegt ein großes Loch vor mir. Ich sehe es. Trotzdem falle ich hinein, aus Gewohnheit. Meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin und trage die Verantwortung. Sofort komme ich heraus.

Ich gehe dieselbe Straße entlang. Plötzlich liegt ein großes Loch vor mir. Ich mache einen großen Bogen um das Loch.

Ich gehe eine andere Straße entlang.

Portia Nelson, amerikanische Autorin

 

7 Kommentare zu „Stolpersteine und Nutzen der täglichen Praxis

  1. Lasse jede Sekunde deines Tages deine Meditation sein. Kann man zwar nicht immer aufrecht erhalten, aber so beginnt dein Leben langsam ein meditatives zu sein.

    Und denke nicht, dass du denkst. Es ist nur dein Gehirn das denkt, und du bist eigentlich nur der Zuschauer, solange du dich nicht einmischt. Lass das Gehirn denken und rechnen und Dinge hin und her wälzen, das hat nichts mit dir zu tun. Es hilft dir nur am Schluss Lösungen zu finden und Entscheidungen zu treffen. Lass es einfach seine Arbeit tun. Und wenn du willst kannst du ihm ruhig dabei zusehen, oder es einfach tun lassen, während du in Ruhe verharrst. Denn du bist nicht dein Gehirn, und ergo daher auch nicht die Gedanken, die es füllen.

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      1. Gern geschehen. Eine Erfahrung aus meinem Leben. Dao, das Unnennbare, ist mein Weg.

        Noch ein chinesisches Sprichwort, welches mir in meiner Jugend den Weg gewiesen hat:
        „Durch Suchen kann es nicht gefunden werden, aber nur der Suchende findet es.“

        Ich habe es dann folgendermassen abgewandelt:
        „Durch Suchen kann es nicht gefunden werden, aber nur der Findende findet es.“

        Es heisst ja auch nicht Pfadsucher, sondern Pfadfinder! 🙂

        Gefällt 1 Person

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