Erfahrungsbericht: wie ich den Auftakt meiner Achtsamkeitsausbildung erlebt habe (Teil 3/Ende)

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So freudig der eine Tag endete, so anders kommt es am nächsten: Wir erarbeiten in Kleingruppen je einen der acht Aspekte von Achtsamkeit: Nicht-Urteilen – Geduld – Anfängergeist bewahren – Vertrauen – nichts erzwingen – Akzeptanz – Loslassen – Mitgefühl. Ich freue mich sehr, in der „Mitgefühls-Gruppe“ zu sein. Zum einen, weil ihr auch M., die sympathische Frau aus der Vorstellungsrunde angehört, mit der ich gerne ins Gespräch kommen wollte. Zum anderen, weil mich dieses Thema beim Lesen von Sharon Salzbergs „Metta Meditation“ sehr berührte (wie ich hier oder hier beschrieben habe). In unserer Gruppe kommen wir bald auf persönliche Themen zu sprechen: Wie verhalten wir uns in Beziehungen zueinander? Wieviel Mitgefühl/Empathie bringen wir dem anderen entgegen? Wie viel uns selbst? Jede erzählt von schwierigen Situationen in der Stammfamilie. Ich werde traurig, weil es in meiner Familie einen nicht gelösten Konflikt gibt, zu dem ich meine Schaufel beigetragen habe. Ich bin nicht im Frieden mit mir deswegen. Im Gesprächsverlauf kann ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten und es bricht ziemlich aus mir heraus. Meine Kolleginnen reagieren mitfühlend, legen mir einen Arm um und richten mich mit ihren Worten und Gesten wieder auf. Es scheint so, als würden wir unser Gruppenthema „Mitgefühl“ gerade live leben 😉

Möge ich mir verzeihen

Später, in der Großgruppe, präsentiert M. zunächst das Allgemeingültige zum Thema „Mitgefühl“ und erwähnt dann, dass unser Gespräch bald persönlich wurde. Ich habe den Impuls, mich zu äußern und die Runde nicht im Unklaren zu lassen. Kaum ausgesprochen, dass bei mir die Emotionen hochgingen, laufen mir schon wieder die Tränen über die Wangen. Es ist mir sehr unangenehm, hier weinend zu sitzen, vor 30 noch ziemlich fremden Menschen. Ich springe auf und laufe ins nächste Zimmer, in dem ich alleine sein kann. Bald darauf kommt unser Kursleiter herein und setzt sich zu mir. Ich erzähle ihm von dem Konflikt in meiner Stammfamilie und dass es mir so schwer fällt zu akzeptieren, wie ich mich verhalten habe. Ich dachte mir davor schon, dass es nun wohl angebracht wäre, einen Satz der Liebenden Güte an mich zu richten. Der Kursleiter bestätigt und meint sinngemäß: „Ja, habe Mitgefühl mit dir selbst. Jedem von uns passieren Dinge, die wir nicht unbedingt geplant haben. Und so wie wir auch anderen verzeihen und Dinge bei anderen tolerieren, dürfen wir das auch bei uns selbst. Leg‘ dir eine Hand aufs Herz und sage Dir wohlwollend: ‚Möge ich mir verzeihen.‘ Immer wieder. Wichtig ist auch, dass du bei deinem Schmerz und im Körper bleibst, und nicht in den Geschichten, die dir dein Kopf erzählen will. Also nicht: Oh, was habe ich da getan. Wie furchtbar habe ich mich verhalten, sondern dass du wirklich den Schmerz spürst.“

Schieß nicht einen zweiten Pfeil auf dich

Ich denke, dass ich von diesem Gespräch noch lange zehren kann. Schon oft habe ich davon gelesen, dass wir unser Leiden nicht verlängern sollen, indem wir noch einen zweiten Pfeil auf uns selbst abschießen (weil wir im Geiste immer wieder die belastenden Geschichten durchgehen). Nun habe ich am eigenen Leibe erfahren, was damit gemeint ist und was die Lösung für das Dilemma ist. In diesem Sinne: Möge ich mich beim nächsten Male daran erinnern, meinem plappernden Geist nicht alles zu glauben und mein Leiden nicht künstlich zu verlängern 😉  Eigentlich sind es ganz einfache Dinge, und doch sind sie so schwierig umzusetzen.

Sei milde mit dir

Die letzte geführte Meditation ist dann nochmals sehr schön. Wir sind eingeladen, uns einen heiligen Berg mit gutem Rundumblick vorzustellen, der uns direkt in unseren Alltag blicken lässt. Ich sehe, wie ich im Haushalt beschäftigt bin, mit meinem Sohn spiele, liebevoll und engagiert bin. Und dann sehe ich, wie streng ich über mich urteile und innerlich an mir herumnörgle. Die Erkenntnis, wie oft ich das Gefühl mit mir herumtrage, nicht zu genügen, berührt mich tief. Tränen rinnen mir in Bächen übers Gesicht. Ich hoffe, die anderen Teilnehmer haben ihre Augen geschlossen und beobachten mich nicht. „Ach macht ja nichts, in diesem Rahmen dürfen wir“, denke ich mir dann. Ich lege mir beide Hände aufs Herz und sage mir, dass ich die Dinge gut mache und milder mit mir sein darf. Es tut unglaublich wohl, diese Erfahrung zu machen. Ich habe das Gefühl, auf eine nie dagewesene Art mit mir in Verbindung zu kommen. „Bitte mehr davon“, ruft alles in mir und freut sich auf das, was noch kommen wird.

Fortsetzung folgt im Mai…

PS: Zu Hause erlebe ich Meditation in weiten Teilen als neutral oder manchmal auch als mühsam. Dass ich im Rahmen dieser Ausbildung solche Erfahrungen machen konnte, schreibe ich der Intensität der Praxis, und der besonderen Atmosphäre in unserer Gruppe/mit der Kursleitung zu 🙂

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Faktencheck:

Titel: Grundausbildung „Achtsamkeit leben – Achtsamkeit lehren“

Inhalte: Diese Ausbildung vermittelt die Grundlagen achtsamkeitsbasierter Verfahren. Im Vordergrund steht die Seins-Qualität, das Kultivieren der inneren Haltung von Achtsamkeit.

Anbieter: Arbor Seminare

Weiterführende Informationen: https://www.arbor-seminare.de/Basisinformation-Grundausbildung

4 Kommentare zu „Erfahrungsbericht: wie ich den Auftakt meiner Achtsamkeitsausbildung erlebt habe (Teil 3/Ende)

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