#Rezension: Mit Kindern wachsen

Im Buch „Mit Kindern wachsen“ stellen die Autoren Myla & Jon Kabat-Zinn ihre Gedanken und Erfahrungen zum Thema Achtsamkeit in der Familie vor. Das Buch ist mit mehr als 400 Seiten relativ umfangreich und gliedert sich in 10 Abschnitte – von Grundlagen der Achtsamkeit in der Familie bis zu Chancen/Grenzen – sowie einen Epilog mit verschiedenen Achtsamkeitsübungen. Es richtet sich sowohl an Eltern kleiner Kinder wie auch an Eltern von Heranwachsenden/Pubertierenden. Es ist allerdings weder als Ratgeber für die eine noch die andere Zielgruppe zu verstehen, sondern legt vielmehr ein generelles Verständnis von Achtsamkeit in der Familie nahe. Immer wieder betonen die Autoren, dass es kein Patentrezept für die Begleitung/Erziehung von Kindern gäbe, sondern jeder seine eigenen kreativen Lösungen zu finden habe. Anhand verschiedener Beispielen aus ihrer eigenen Familie erläutern die Kabat-Zinns dies auf eindrückliche Weise.

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Grundlagen von Achtsamkeit in der Familie

Anhand ihrer eigenen Erfahrungen erklären die Autoren Selbstbestimmung, Empathie und Akzeptieren zu den drei Grundpfeiler der achtsamen Elternschaft:

  • Selbstbestimmung: Damit ist gemeint, dass Eltern die Einzigartigkeit ihrer Kinder erkennen und sie würdigen, indem sie ihnen Raum zur Entfaltung geben. Die Autoren betonen gleichzeitig, dass dies nicht bedeutet, keinerlei Grenzen zu setzen, sondern sie empfehlen einen Mittelweg zwischen Autorität und Freiraum sowie ein altersgemäßes Zugestehen von Selbstbestimmung. Wichtig ist, dass sich unsere Kinder geliebt fühlen so wie sie sind und akzeptiert werden, als als das, was sie sind – ohne ständig von Erwachsenen verändert werden zu wollen.
  • Empathie: Im Umgang mit unseren Kindern ist es wichtig, dass wir uns auf verschiedene Situationen einstellen können und – so herausfordernd der jeweilige Moment auch sein mag  – in eine emphatische Verbindung zu unserem Kind treten. Dass dies oft alles andere als leicht ist, geben die Autoren offen zu und stellen sich selbst keineswegs als perfekte Eltern dar. Es ist gleichermaßen beruhigend zu lesen, dass auch sie dann und wann an ihre persönliche Grenzen gekommen sind – und inspirierend zu erfahren, wie sie mit ihren Kindern die jeweils schwierigen Situationen aufgelöst haben. Wie in anderer Literatur zu Eltern/Erziehung sind auch hier einige Hinweise darauf zu finden, dass uns oft Muster aus unserer eigenen Kindheit im Wege stehen und zu impulsiven Reaktionen auf das Verhalten unserer Kinder führen können. Die Autoren weisen darauf hin, dass das Leben mit Kindern eine mindestens 18jährige Meditationsklausur ist, in der wir mehr als genug Möglichkeiten haben, an uns und unserer Beziehung zu ihnen zu arbeiten – daher kommt auch der Titel „Mit Kindern wachsen“, der auf unser eigenes Reifepotential hindeutet.
  • Akzeptieren: Neben Selbstbestimmung und Empathie ist Akzeptieren der dritte Grundpfeiler von achtsamer Elternschaft. Damit meinen die Autoren die innere Einstellung, mit der wir Dinge sein lassen können wie sie sind – egal ob sie uns gefallen oder nicht. Dafür ist es nötig, dass wir Bewusstheit für den gegenwärtigen Moment entwickeln und erkennen können, wenn uns etwas gegen den Strich geht. Wir können unsere Gedanken und Gefühle erkennen, sie betrachten und wieder ziehen lassen, ohne uns zu sehr in sie zu verstricken. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn das eigene Kind einen Wutanfall hat und die Eltern an ihrer Belastungsgrenze sind. Doch kann man jedes Verhalten in den dunkelsten Farben oder in einem „toleranten, wohlwollenden Licht sehen“.

Was ich persönlich daraus mitnehme…

…ist vor allem die innere Haltung, dass unsere Kinder, so wie sie sind, in Ordnung sind – auch wenn sie gerade trotzen oder schwierige Zeiten in der Pubertät durchmachen. Selbst wenn wir dabei an unsere Grenzen kommen und nicht alles immer harmonisch ablaufen kann, sollte die Liebe für unsere Kinder immer da und für sie spürbar sein.

…ist die Einsicht, dass weder ein Zuviel an Autorität noch ein Zuviel an Freiheit förderlich für ein Kind sind. Um ein gutes Selbstvertrauen entwickeln zu können, ist ein Mittelweg hilfreich mit einem klaren Rahmen einiger angemessener Regeln und Grenzen sowie warmherzigen und konsequenten Eltern.

…ist die Haltung, dass wir unsere Kinder ernst nehmen, z.B. indem wir nach einem Konflikt mit ihnen über unsere Gefühle sprechen. Natürlich geht das erst, wenn sich die Wogen geglättet haben – und bei sehr kleinen Kindern hilft es auch nichts, lange Vorträge zu halten. Doch bin ich persönlich überzeugt davon, dass Kinder schon von klein auf viel verstehen und etwas bei ihnen ankommt, wenn wir mit ihnen über unsere Gefühle sprechen und sie dabei in den Arm nehmen. Aus meiner eigenen Erfahrung als Mutter weiß ich, dass unsere Beziehung dadurch gestärkt wird und sich eine Art Konfliktbewusstsein entwickelt.

…ist der Vergleich, dass das Leben als Eltern einer langen, manchmal sehr mühsamen Meditationsklausur gleichkommt ;-), an der man allerdings sehr reifen kann!

…ist die Empfehlung von Jon Kabat-Zinn, seine Lieblingsbücher etwa alle 5 Jahre erneut zu lesen und dabei wieder auf neue Art von ihnen zu profitieren. Dieser Empfehlung werde ich bestimmt auch in Bezug auf dieses Buch nachkommen! Eine klare Leseempfehlung von mir 😉

Über die Autoren

Jon Kabat-Zinn begründete die renommierte Stress Reduction Clinic in den USA sowie die Methode MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction), welche sich in der Behandlung verschiedener stressbedingter Erkrankungen als sehr hilfreich erwiesen hat und internationale Bekanntheit erlangte. Seine Frau Myla Kabat-Zinn arbeitete vor allem im Bereich Geburtsvorbereitung und als Geburtsbegleiterin. Gemeinsam haben sie drei, heute erwachsene, Kinder.

Angaben zum Buch

Buchtitel: Mit Kindern wachsen. Die Praxis der Achtsamkeit in der Familie

Autoren: Myla & Jon Kabat-Zinn

Übersetzung: Aus dem Amerikanischen von Mike-Schaefer

Verlag: Arbor, Freiburg im Breisgau, http://www.arbor-verlag.de

Erscheinungsjahr: 2016, 2. Auflage

Umfang: 409 Seiten

ISBN: 978-3-86781-141-5

8 Kommentare zu „#Rezension: Mit Kindern wachsen

  1. Sieht sehr nach unserer Erziehung aus, Erziehung in dem Sinne von „Talente heraus ziehen“. Grosse Freiräume geben, aber Grenzen setzen und einhalten sowie altersgemässe Verantwortung und Selbstbestimmung übergeben, heisst auch Verantwortung übernehmen lassen statt Strafen. Daher hatten wir auch nie grosse Probleme mit unserem Kind, auch nicht in der Pubertät, obwohl uns immer alle davor gewarnt haben. 🙂 🙂 🙂

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