Nachgelesen: Metta Meditation von Sharon Salzberg (6)

 

In diesem letzten Beitrag der Nachlese „Metta Meditation von Sharon Salzberg“ geht es um Gleichmut, die letzte der vier brahma-viharas sowie was uns dabei hilft,  diese vier „göttlichen Verweilzustände“ auszubilden, nämlich: Großzügigkeit und moralische Integrität.

Gleichmut – upekha

Gleichmut (upekha) ist diejenige brahma-vihara, in der metta (Liebe), karuna (Mitgefühl) und mudita (Mitfreude) gipfeln. Upekha kann auch als Gleichgewicht übersetzt werden,  und zeichnet aus, dass es den Geist anhält, bevor wir einem Extrem verfallen. Jeder erfährt in seinem Leben ein Auf und Ab, ein Wechsel von Freude zu Schmerz. Manchmal pendeln wir innerhalb von Wochen oder Monaten von dem einen Extrem zum anderen. Sharon Salzberg fragt vor diesem Hintergrund: „Wie kann ein menschliches Herz die pausenlosen Gegensätze des Lebens aufnehmen, ohne sich zersplittert zu fühlen und zu meinen, das alles sei nicht zu ertragen? Wie können wir mit den ständigen Wechselfällen leben?“ Die nötige Eigenschaft ist Gleichmut, die uns dabei hilft, stets in der Gegenwart und in unserer Mitte zu bleiben.

Um Gleichmut zu üben, müssen wir uns klar werden, dass alles dem Wandel unterworfen ist und wir immer wieder aufs Neue loslassen müssen. Buddha sagte: „Freude und Schmerz, Gewinn und Verlust, Lob und Tadel, Ruhm und Versessenheit kommen und gehen ohne Ende, jenseits unserer Kontrollen.“ Und weiter: „Auf dieser Welt wird immer getadelt. Sagst du zuviel, tadeln dich einige. Sagst du wenig, tadeln dich einige. Wenn du gar nichts sagst, tadeln dich einige.“ So ist es einfach in unserem Leben. Keiner erfährt nur Freude oder nur Schmerz. Sharon Salzberg führt dazu aus: „Wenn wir uns dieser Wahrheit öffnen, entdecken wir, dass wir nichts festhalten oder fortstoßen müssen. Statt kontrollieren zu wollen, was wir niemals kontrollieren können, finden wir ein Gefühl von Sicherheit, wenn wir auf das reagieren, was tatsächlich geschieht. Wir sollen nicht urteilen, sondern geistige Ausgeglichenheit kultivieren, die aufnimmt, was geschieht, was es auch sei. In diesem Hinnehmen liegt unsere Sicherheit und unser Vertrauen.“ Würden wir hingegen alle unangenehmen Erfahrungen als nicht akzeptabel einstufen, würde unser Leben nur enger und begrenzter werden.

 

Dies bedeutet nun nicht, dass wir gefühllos sein sollen, sondern dass wir Schmerz fühlen können, ohne ihn zu verdammen oder ihn zu hassen, dass wir Freude fühlen können ohne das Gefühl, sie unbedingt festhalten zu wollen. „Dieser Zustand des Nicht-Reagierens ist der Zustand des Gleichmuts, und er bringt uns jeden Augenblick der Freiheit etwas näher.“ Gleichmut bedeutet zu wissen und akzeptieren, dass die Dinge sind, wie sie sind.

Gleichmut wird in der buddhistischen Lehre als letzte der brahma-viharas gelehrt, weil er zwischen liebender Güte, Mitgefühl und selbstloser Freude ausgleicht. Gleichmut ergänzt die Wünsche von metta, mudita und karuna  durch die Erkenntnis, dass die Dinge sind, wie sie eben sind. So sehr wir uns etwas Bestimmtes wünschen, können wir doch nicht beeinflussen, dass der Wunsch tatsächlich Realität wird. Gleichmut hilft uns, die Dinge mit Gelassenheit zu sehen.

Sharon Salzberg schließt das Kapitel Gleichmut wie auch die vorangehenden mit einer meditativen Übung.

Großzügigkeit und Integratität als Fundament für die brahma-viharas

Die Pflege von Großzügigkeit und moralischer Integrität werden in der buddhistischen Lehre als Sprungbrett zu meditativen Zuständen verstanden. „Mit diesen Eigenschaften, die uns sehr irdisch vorkommen mögen, können sich die anderen Zustände geschmeidig und mühelos entfalten.“

Üben wir Großzügigkeit, öffnen wir uns befreienden Eigenschaften wie Loslassen, Verzichten, Gebenkönnen. Wir können auf viele verschiedenen Arten geben: materiell, finanziell, Zeit, Hilfe, Fürsorge oder auch einfach jemanden nur sein zu lassen, wie er oder sie ist.

Das Ziel von Großzügigkeit ist nicht nur, anderen zu geben und sie zu befreien, sondern auch uns selbst zu befreien. Durch Großzügigkeit erweitern wir unsere eigenen Grenzen und schaffen Weite und Geräumigkeit in unserem Geist. Dann müssen wir nicht fürchten, dass eine unangenehme Erfahrung uns reduzieren wird oder wir deswegen als Mensch weniger wert sind. „Bei einer solchen Offenheit müssen wir auch nicht verzweifelt nach jeder angenehmen Erfahrung grapschen, die sich uns bietet, denn wir brauchen sie nicht für unser Wohlergehen.“ Großzügig sein bedeutet auch, innere Fülle zu haben – das Gefühl, dass wir genug haben zum Teilen.

Buddha lehrte auch, dass das Bemühen um ethisches Handeln sehr wichtig ist, wenn wir glücklich sein wollen. Neben Großzügigkeit nannte er deshalb moralische Integrität als Fundament der Befreiung. „Wir können unmöglich unser Verhalten vernachlässigen und uns dann in strenger Meditationshaltung auf das Kissen setzen und Freiheit erleben, denn jeder Aspekt unseres Lebens ist unlösbar mit allen anderen Aspekten verwoben.“ Rechtes Handeln, oder in der Pali-Sprache „Sila“ genannt, beruht auf dem Bemühen, uns an bestimmte Regeln zu halten. Diese sind in der buddhistischen Tradition:

  1. nicht töten und keine körperliche Gewalt ausüben
  2. nicht stehlen und nichts nehmen, das uns nicht gegeben wird
  3. in sexuellen Beziehungen nicht verletzen und die sexuelle Energie nicht auf eine Weise leben, die anderen Leid zufügt
  4. nicht lügen, nicht verletzend oder müßig reden, nicht klatschen
  5. keine Rauschmittel nehmen, die die Klarheit des Geistes beeinträchtigen und zur Unachtsamkeit führen

 

Persönliche Erfahrung

Während des Schreibens dieses Beitrages hatte ich eine Situation, die mich auf die Probe stellte. Mein Kind wachte früher als sonst von seinem Mittagsschlaf auf, sodass ich den Beitrag nicht fertigstellen konnte. Ich reagierte innerlich mit Anspannung und Abwehr. Als mir die Gefühle und Gedanken bewusst wurden, musste ich schmunzeln: Da schrieb ich von Gleichmut… davon, alles, auch Unangenehmes zu akzeptieren und vorbeiziehen zu lassen… und im nächsten Moment überkommt mich im Alltag eine Welle des Anhaftens (ich  wünschte mir, noch länger Zeit für mich zu haben und diesen Beitrag fertigschreiben zu können). Ja, so funktioniert unser Geist eben! Wir wollen schöne Momente bewahren und Unangenehmes fortstoßen.

Durch regelmäßiges Meditieren und Üben der Achtsamkeit bin ich nun jedoch so weit, meine Gedanken und Gefühle mit etwas mehr Distanz als früher zu betrachten und mich nicht dafür zu schelten – wenn auch der Wunsch da ist, dass es mir schon besser gelingen möge, gelassen zu sein. Doch bin ich nun mal Schülerin auf dem achtsamen Weg, den ich gerade erst begonnen habe zu gehen.

Und so ist für mich auch das regelmäßige Lesen dieses Buches von Sharon Salzberg sehr wertvoll geworden. Ich habe es nun zum dritten Male gelesen und entdecke jedes Mal wieder etwas Neues und Wertvolles für mich. Es bestärkt mich, weiter auf diesem wunderbaren Weg zu gehen.

Ich hoffe, es ist bei dieser Nachlese auch für Euch etwas dabei gewesen, das Euch angesprochen oder sogar inspiriert  hat. Danke fürs Lesen und Liken!

PS: Eine Ergänzung noch zu der moralischen Integrität, die sich für mich ähnlich wie die 10 Gebote im Christentum lesen: Ich habe als Experiment einige Wochen komplett auf Alkohol verzichtet, um geistig klarer und achtsamer zu werden. Es hat mir wirklich sehr gut getan und seit diesem Experiment trinke ich nur noch selten und sehr wenig Alkohol. Ich fühle mich dadurch konzentrierter und klarer im Kopf, was es mir leicht macht, weniger oft zu einem Glas zu greifen (was ich früher gerne machte, mir aber gar nicht gut getan hatte). Das war auch eine schöne Erfahrung für mich beim Lesen dieses Buches.

Alle Teile der Nachlese:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

 

Detailangaben zum Buch:

Metta Meditation. Buddhas revolutionärer Weg zum Glück/ Sharon Salzberg/ 207 Seiten/ Arbor Verlag/ Freiamt 2003/ ISBN 978-3-924195-90-8

Sollte die Autorin oder der Verlag etwas gegen diese Beiträge haben, bitte ich um entsprechende Information. Dann werde ich sie natürlich entfernen und die Notizen lediglich für mich persönlich abspeichern.

4 Kommentare zu „Nachgelesen: Metta Meditation von Sharon Salzberg (6)

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