Nachgelesen: Metta Meditation von Sharon Salzberg (4)

In diesem heutigen Post geht es um die Hindernisse bei der Entwicklung von Metta/Liebender Güte: Verlangen, Festhalten, Anhaften, Ärger und Wut. Ich werde ergänzend zur Theorie ein paar eigene Beispiele anführen, die in dieser Form nicht im Buch zu finden sind.

Wir alle kennen wohl Momente oder Phasen im Leben, in denen wir uns an etwas klammern – an eine Situation, an einen Menschen, an einen Zustand. Beispielsweise: „Wenn ich 10 Kilos abgenommen habe, dann werde ich glücklich sein.“ Oder: „Wenn ich mehr verdienen würde, dann würde das Leben erst Freude machen.“

Sharon Salzberg sagt dazu: „Verblendet durch unsere vorübergehende Verzauberung, sehen wir die Welt wie durch einen Trichter. Dieses Etwas, und nichts anderes, wird uns glücklich machen“. Buddhistische Schriften vergleichen das Verlangen mit einem Teich, in den Farben geschüttet wird. Der Grund des Teiches ist nicht mehr zu sehen, weil unser Blick getrübt und unser Geist benebelt ist.

Es ist völlig natürlich, Gefühle des Verlangens zu haben. Ich denke, es ist sogar sehr wichtig, Träume und Wünsche zu haben, etwas erreichen zu wollen. Doch birgt Verlangen eben die Gefahr, dass wir uns zu sehr auf etwas versteifen und uns davon abhängig machen. Es verblendet uns, weil wir nicht wahrnehmen, was gerade ist, sondern sich unsere Gedanken nur darum drehen, was noch zu erreichen ist. Wir werden neidisch, eifersüchtig, egozentrisch. „Wenn wir am Leben festhalten, kann das Festhalten leicht wichtiger werden, als die Frage, wie das Leben ist.“

Anhaften schafft Leiden

Die buddhistische Lehre besagt, dass Anhaften die Wurzel jeden Leids ist, weil wir damit vor allem zwei Dinge tun: Endlos suchen nach dem großen Glück (Liebe, Geld, Schönheit etc.) und Hüten, was wir haben (z.B. mein Haus, mein Auto, mein Mann, meine faltenfreies Gesicht etc.). Dabei ist es doch so, dass sich alles in ständigem Wandel befindet. „Es gibt keinen Weg, den Fluss der Ereignisse anzuhalten und angenehme Erfahrungen für immer festzuhalten. Betrachten wir allerdings die Welt durch das Auge des Verlangens, so hoffen wir stets, sie werde uns irgendwie auf magische Weise nur mit Angenehmem versorgen, es werde nichts Schlechtes passieren, nichts Schmerzliches.“

Schmerz bedeutet nicht, dass etwas arg im Verkehrten läuft in unserem Leben. Es ist der natürliche Lauf der Dinge: Freude und Leid wechseln sich ab, bei jedem von uns, immer wieder. Und trotz dieses Wechselspiels können wir glücklich sein.

Wut und Aversion sind Gegner von Metta

Zustände der Wut und Abneigung sind die sogenannten „fernen Feinde“, also das Gegenteil von Liebe. Sie können uns zerreißen, uns und anderen schaden, wenn wir ihnen folgen. Wut ist eine kraftvolle Energie, die uns zeigt, dass wir selbst oder andere eine Grenze bei uns überschritten haben. Die buddhistische Lehre empfiehlt, dass  wir uns auch dieser Gefühle bewusst werden, uns aber nicht damit identifizieren und von ihnen beherrschen lassen. Alle Gefühle entstehen und vergehen wieder. „Wir können uns nur öffnen, wenn wir uns nicht identifizieren. Zu erkennen dass Aversion oder Ärger vorübergehen, ist etwas völlig anderes, als sich mit ihnen zu identifizieren, zu glauben, das seien wir, und sich dann entsprechend zu verhalten.“ Schließlich seien wir auch die Erben unseres Karmas. Wenn wir anderen Leid zufügen, dann leiden wir auch selbst. Und doch ist es schwierig, an einen Ort vorzudringen, der vergibt und liebend ist. „In gewisser Weise ist die Fähigkeit des Vergebens und Loslassens eine Art Sterben. Es ist die Fähigkeit zu sagen: ‚Ich bin nicht mehr, wer ich war; du bist nicht mehr, wer du warst.‘ Vergebung gibt uns jene Teile von uns zurück, die wir an ein früheres Geschehen gekettet hinter uns ließen.“

Und wie können wir das schaffen?

…indem wir ein liebendes Herz entwickeln und lernen, irrige Vorstellungen abzulegen. Metta (Liebende Güte) ist außerhalb des Verlangens, der Wut und Aversion. Metta erlaubt den Dingen zu sein, wie sie sind. Sie lädt uns dazu ein, unser Herz zu öffnen, für uns selbst und für andere. „Wahres Glück liegt weder in einem Gegenstand, noch in einem Menschen, denn da sich alles wandelt, kann ein solches Glück nicht von Dauer sein. Beständiger ist es, in jeder Lebenslage ein liebendes Herz zu haben“. Dies bezeichnet Sharon Salzberg als Schlüssel zu einem befreiten Leben. Wie wir dabei konkret vorgehen, beschreibt sie wieder ausführlich in den einzelnen Übungen der Metta Meditation (z.B. Vergeben, das Gute sehen, schwierige Anteile in uns sehen, Liebende Güte für alle Lebewesen entwickeln).

Persönliche Erfahrung

Die Erkenntnis des Nicht-Anhaften  – des Ziehenlassens von Gedanken, Stimmungen, Gefühlen  – ist einer der zentralen Erkenntnisse der Metta Meditation und der buddhistischen Lehre. Als ich das erste Mal vom Anhaften las, war ich tief beeindruckt davon. Vieles von dem, was ich da las, hatte ich selbst erfahren: Ich hatte oft gelitten, weil Situationen oder Menschen nicht so waren, wie ich sie mir vorstellte. Ich hatte hohe Erwartungen, perfektionistische Vorstellungen von mir und den anderen – die keiner erfüllen konnte. Ich war suchend, ohne genau zu wissen, wonach ich eigentlich suchte. Ich war verstrickt in meinen Gedanken, identifizierte mich sehr mit ihnen und bewertete meinen Geist höher als mein Herz- oder Bauchgefühl. Mein Denken führte mich noch mehr in die Verblendung hinein. Ich war meistens mehr im Morgen oder im Gestern, als wirklich im Moment.

Als ich das alles las, war es, als würde mir jemand einen Spiegel vorhalten. Und ich stellte mir die Frage, ob ich wirklich ernsthaft so weitermachen sollte, so an meinem Leben „vorbeileben“ wollte. Natürlich wollte ich das nicht! Das war für mich ein sehr wichtiger Moment, ab dem ich wirklich begonnen habe, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Seither meditiere ich täglich und übe mich in Achtsamkeit. Ich bin wohl noch Anfängerin darin, und habe noch Vieles zu lernen in Sachen Gelassenheit, Akzeptanz, Vergebung etc. – und doch gibt mir diese Praxis bereits so viel mehr an Lebensqualität. Einmal mehr möchte ich sie euch deswegen ans Herz legen.

Uff, wieder ein sehr langer Text!

Die erste Hälfte des Buches haben wir hiermit recht ausführlich besprochen, den Rest werde ich in zwei weiteren Teilen vorstellen. Dabei geht es um die brahma-viharas neben Liebe/Metta, nämlich: Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut.

Die bisherigen Teile der Nachlese:

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Detailangaben zum Buch:

Metta Meditation. Buddhas revolutionärer Weg zum Glück/ Sharon Salzberg/ 207 Seiten/ Arbor Verlag/ Freiamt 2003/ ISBN 978-3-924195-90-8

Sollte die Autorin oder der Verlag etwas gegen diese Beiträge haben, bitte ich um entsprechende Information. Dann werde ich sie natürlich entfernen und die Notizen lediglich für mich persönlich abspeichern.

6 Kommentare zu „Nachgelesen: Metta Meditation von Sharon Salzberg (4)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s